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Ein aufschlussreiches Fundstück

„Sehr keck und voll muthwilliger Streiche …“

Wir stellen uns vor, wie Lehrer Josef Werther zu Tinte und Feder greift. Das Censur-Buch der deutschen Werkschule zu Iffeldorf für das Schuljahr 1873/74 liegt schon vor ihm. Noch fehlen die handschriftlichen Eintragungen in vorgedruckte Rubriken: monatlich ermittelte Noten für alle Fächer und alle Kinder, ergänzt um Bemerkungen „zur Charakteristik hinsichtlich Fähigkeiten, Fleiß, sittlichem Betragen, häuslicher Erziehung und Verhältnissen, körperlichen Gebrechen“. 

Wie das mit einer bayerisch weiß-blauen Kordel zusammengehaltene großformatige Heft, bestehend aus zweiundzwanzig vergilbten Blättern, einst zwischen den Stapel gleich alter Zeitungen und damit in Vergessenheit geriet? Niemand kann es mehr wissen. Erst jüngst, in Verlaufe der genauen Sichtung jener, im Pfarrarchiv St. Vitus aufbewahrten Journale, kam das Dokument wieder zum Vorschein. 

Vorgelegt wurde es einst „bei der öffentlichen Schulprüfung am 29ten April 1874“ in Anwesenheit des Iffeldorfer Pfarrherrn Benno Burkhard in seiner Eigenschaft als „Localschulinspektor“, zweier auswärtiger Beisitzer und des bereits erwähnten Lehrers. Hilfe beim Unterrichten der rund fünfundsiebzig Schülerinnen und Schüler hatte Josef Werther keine, obwohl zusätzlich und ohne gesonderte Bezahlung zu Diensten als Mesner, Kantor sowie Organist verpflichtet. 

Durch die Beschränkung auf die Fächer Katechismus und Biblische Geschichte, Lesen, Schreiben (schön und richtig) sowie mündliches und schriftliches Rechnen war der Lehrumfang freilich recht übersichtlich. Vier Klassen gab es insgesamt: 1. „Vorbereitungsjahrgang“, 2. Zweites und drittes Schuljahr. 3. Viertes und fünftes Schuljahr, 4. Sechstes und siebentes Schuljahr. Abmeldungen, neun, und Zugänge, acht, im Verlauf des darstellten Zeitraums hingen wohl vorwiegend mit Personalwechseln innerhalb der Maffeischen Gutsbetriebe zusammen. Übertritte in weiterführende Schulen sind nicht vermerkt. Ein Knabe aus dem Ortsteil Eurach war im März an der „Halsbräune“ (Diphtherie) gestorben. 

Dass weit mehr Buben als Mädchen die Schule besuchten, ist vermutlich dem damals vorherrschenden Denken geschuldet, wonach das Schulgeld in Bezug auf das weibliche Geschlecht als eine weniger effektive Investition galt. Der Umstand, dass sich der Notendurchschnitt der meisten Mädchen gemäß dem vorliegenden Censur-Buch von dem der meisten Buben zum Besseren hin unterschied, hebt die Ungleichbehandlung noch hervor.

Offenbar war Lehrer Josef Werther ein guter Menschenkenner. So leicht machte man ihm, bereits seit langem in Iffeldorf tätig, nichts vor. Manche seiner Kommentare legen davon Zeugnis ab: „In der Schule taub, blind u. gelähmt, wie er nämlich glauben zu machen versucht, zeigt er außer derselben sehr viel Sinnesschärfe und Wendigkeit.“ – „Gar nicht dumm. Liebt aber Schnurren und Stücklein mehr als anhaltende Arbeit.“ – „Zwar sehr klein von Person aber doch dreist u. bissig. Spielt den Braven u. Stillen, wenn er sich beobachtet fühlt.“ Nachlassende Leistungen pubertierender Tunichtgute führten zu Urteilen ähnlich diesem: „Sehr keck und voll muthwilliger Streiche, war früher viel fleißiger, gesitteter und höflicher als heuer.“ 

Wenn es Not tat, zeigte sich der Pädagoge einfühlsam: „War sehr lange krank, man muss Geduld mit dem Kinde haben.“ Auch blieben ihm Fehler auf Elternseite nicht verborgen: „Ein äußerst angenehmer Knabe und sehr gescheit, daheim müßte ihm viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als es bislang der Fall war.“ Hießen die Schützlinge Theres, Anna, Maria … häuften sich die Lobesworte „brav“, „guthmütig“, „artig“. Nach den Adjektiven „fromm“ oder „gottesfürchtig“ sucht man, erstaunlicherweise, vergebens in all den durchaus nicht floskelhaften Einzelbewertungen.    

 

Was die Treffsicherheit einer bestimmten Prophezeiung für die Zukunft anbetraf, zielte der erfahrene Erzieher direkt ins Schwarze, als er mit Blick auf Georg Goldhofer, Schulbester am Stichtag, hervorhob: „Verspricht etwas zu werden!“ Richtig. Iffeldorfs Bürgermeister von 1904 bis 1933.     

Brigitte Roßbeck