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Der Wald an den Osterseen

Naturraum – Holzlieferant – Kulturgut

 

Seit mehr als dreißig Jahren bewirtschaftet die Iffeldorferin Gabriele Ganz jenen Teil des Waldes um die Osterseen, der seit sieben Generationen im Besitz der Familie Maffei und ihrer Nachfahren ist. Das Areal umfasst 175 ha.

 

Brigitte Roßbeck:

Nahezu jeder Mensch hat seine persönliche Beziehung zum Wald, oftmals von Jungend auf.

Gabriele Ganz:

Schon als Kind war ich sehr gern im Wald unterwegs. Ich bin ja im Gut Staltach aufgewachsen, da war er mir immer sehr nahe, räumlich und irgendwann auch seelisch.

Anders als bei den Osterseen selbst, die einer vielköpfigen Erbengemeinschaft gehören, sind Sie für den Staltacher Wald alleinverantwortlich. Wie kam es dazu?

Seit dem Jahre 1986 etwa wollte ich meine Eltern entlasten und fing an, mich gezielt um den Wald zu kümmern. Hinzu kam, dass der pensionierte Staatsförster Adolf Schullan nach Staltach zog und mich mit seiner großen Begeisterung förmlich ansteckte. So war ich bereits eingearbeitet, als 1990 die großen Stürme kamen. Die Bewältigung der immensen Folgen war gewissermaßen meine Bewährungsprobe. Bald darauf setzten mich meine Eltern als Nachfolgerin für die Bewirtschaftung ein. Seither betrachte ich den Wald als eine Lebensaufgabe.    

Wie hoch ist der Arbeitsaufwand? 

Das ist abhängig von der jeweiligen Situation. Grundsätzlich ist es mir ein Anliegen, mindestens einmal täglich in den Wald zu gehen; das wäre nicht notwendig, denn eigentlich ist der Wald ein Ökosystem, das auch ohne menschliche Eingriffe funktioniert. Schreibtischarbeit ist zu erledigen, Telefonate sind zu führen, Mails zu schreiben, Holzverkäufe zu organisieren, dazu die Terminabsprachen mit Unternehmern usw.  

Seit 1981 ist der Wald an den Osterseen Bestandteil eines Naturschutzgebietes. 

Dazu muss man wissen, dass meine Eltern dem rechtsverbindlich festgelegten Gebot der Erhaltung und Entwicklung dieses sehr speziellen und sensiblen Naherholungsraums von Beginn der Überlegungen an äußerst positiv gegenüberstanden. Meine Einstellung ist die gleiche. Ich möchte dazu beitragen, unsere überaus vielgestaltige – und nicht zuletzt darum vielbesuchte – Heimat in ihrer Schönheit zu bewahren. 

Könnten Sie Ihre Ziele nennen und den Weg zur Umsetzung beschreiben?

Ich habe einen bereits artenreichen Mischwald übernehmen können. Mein Ziel ist die Ausweiterung naturnaher, nachhaltiger, das heißt ungleich-artiger und ungleich-altriger Bestände! Auch deshalb bin ich Mitglied in der ‚Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft e. V.‘, habe an lehrreichen Exkursionen und Fortbildungen teilgenommen. Aufgrund der von verschiedenen Orkantiefs verursachten Kahlflächen bestand außerdem die Möglichkeit, die Vielfalt des Waldes zum ökologisch noch Wertvolleren hin zu verändern. Charakterbäume wie zum Beispiel Buche, Lärche, Fichte, Kiefer wurden gezielt ergänzt um Eiche, Ulme, Weißtanne, Wildbirne, Wildkirsche, Elsbeere …       

Welche Bedeutung hat für Sie die regelmäßige Zusammenarbeit mit Fachleuten, die Ihre Vorstellungen hinsichtlich der ökologischen, ökonomischen und sozialen Funktion des Waldes teilten bzw. teilen?

Seit ich denken kann, waren besonders engagierte und erfahrene Förster in die Entscheidungen für oder gegen waldbauliche Maßnahmen einbezogen. Und natürlich muss am Ende der Wald auch wirtschaftlich rechnen. Hier half die ‚Waldbesitzervereinigung Weilheim‘. Den ersten Ratgeber Adolf Schullan habe ich bereits genannt. Noch andere Forstleute haben meinen Blick auch auf die versteckten Schönheiten des Waldes geschärft. So lernte ich unter anderem, die Bruthöhlen von Käuzen und Spechten leichter zu entdecken. Derzeit ist Thilo Rothkegel der unverzichtbare Förster an meiner Seite. Ein wenig stolz war ich, zugegebenermaßen, als er sich zu Beginn seiner Tätigkeit zu der anerkennenden Bemerkung hinreißen ließ: „Man sieht dem Wald an, dass er in guten Händen ist.“

Davon war auch jene Kommission überzeugt, die 2009 entschied, die Waldbesitzerin Gabriele Ganz mit dem ‚Bayerischen Staatspreis für vorbildliche Waldbewirtschaftung‘ auszuzeichnen. Sicher hat die Urkunde einen Ehrenplatz bekommen.

Einen Ehrenplatz schon, aber neben der Freude über die Anerkennung bedeutet die Auszeichnung Motivation. Dass sich nun Berufskollegen, männliche und weibliche, bei mir meldeten und um eine Führung baten, war ein unerwarteter Nebeneffekt. Der lebhafte Austausch, die teils kritischen Fragen, Ideen und Anregungen – wenn möglich umgesetzt -, das Netzwerk, das durch die Kontakte entstand, sind insgesamt ein zusätzlicher Gewinn. 

Bestimmt gibt es Herausforderungen, auf die Sie gerne verzichten würden.

Kurz gesagt: Respektlosigkeit. Mountainbiker, die den Wald mit einem Querfeldeingelände verwechseln; Wanderer, die sich partout nicht an das Wegegebot halten wollen; Hinterlassenschaften wie Babywindeln, Papiertaschentücher, Flaschen, Müll eben aller Art. Verzichten könnte ich auch sehr gut auf Windwürfe und Borkenkäfer. Ein anderes Thema, ich will es nicht verschweigen, sind Reaktionen auf notwendige Durchforstungs-Aktionen.

Eine Notwendigkeit, die manche Menschen nicht einsehen können, weil ihnen die Zusammenhänge nicht bekannt sind?

Durchforstete Flächen sind nur dem ersten Anschein nach Wunden, die nicht verheilen! Holz ist bekanntlich ein nachwachsender Rohstoff. Der Waldbau im Sinne auch von Waldumbau ist die Königsdisziplin eines jeden Försters. Nachdem die Bäume anfangs ganz eng zusammenstehen und um Wasser, Licht und Nährstoffe konkurrieren, werden die Stämme später durch Pflegemaßnahmen reduziert. Alle fünf bis zehn Jahre erfolgt ein solcher Eingriff, und man achtet darauf, dass besondere Baumarten wie Weißtanne, Eiche, Lärche je nach ihrem Lichtbedürfnis gefördert werden. Auch Fichten brauchen Licht und Freiraum. Nur dann können sich die Wurzeln und Kronen ungestört entwickeln, was die Stabilität erhöht. Sonnenbeschienene Freiflächen auf Schlagfluren fördern die Naturverjüngung, welche beachtliche Vorteile gegenüber der Pflanzung von zugekauften Setzlingen hat. Mit Glück können einmal Enkel, Urenkel und Ururenkel starke Bäume ernten. 

Und wie steht es mit dem Einsatz von Holzvollerntern?

Die Waldarbeit gehört zu den gefährlichsten Jobs überhaupt. Die Zahl der tödlichen Unfälle ist dreimal höher als im Baugewerbe. Professionelle Holzfäller gibt es immer weniger. Der Einsatz von automatisierten Harvestern nimmt deshalb ständig zu. Ich selbst bekomme auch Herzklopfen, wenn ein Harvester in meinen Wald fährt, selbst dann, wenn es sich an unserem Standort, um ausgewählt kleinere Maschinen handelt. Aber ein guter Harvester-Fahrer operiert vorsichtig, legt das Astmaterial auf die Rückegassen und fährt bei Regen auf gar keinen Fall, um unnötige Bodenverdichtung zu vermeiden. Wenn möglich, erfolgt die Holzernte, wie früher, konventionell. Oder auch traditionell: mitunter kommen sogar Rückepferde zum Einsatz. 

Die letzte Frage gilt der Nachfolgeregelung.

Zu meiner Erleichterung ist sie gesichert. Ich bin meinem Sohn Sebastian dankbar, dass durch seine Bereitschaft zur Übernahme der Staltacher Wald um die Osterseen, der mir so sehr am Herzen liegt, in der Familie bleiben kann.     

 

Interview: Brigitte Roßbeck

Fotos: Gabriele Ganz